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Taschenrechner

Der NumWorks Taschenrechner

Der NumWorks Taschenrechner

Vor ein paar Tagen erhielt ich ein schon sehnsüchtig erwartetes Päckchen aus Frankreich. Darin: der Grafik-Taschenrechner von NumWorks. Ich schreibe hier mal meine ersten Eindrücke und bisherigen Erfahrungen auf. Sie könnten unter der Überschrift stehen: „Na was hab ich denn erwartet?“ – Doch lest selbst …

Vorbemerkungen

Vorweg: als Nutzer, Fan und Sammler von Taschenrechnern der Firma Hewlett Packard (HP) bin ich natürlich verwöhnt, was die Haptik, „build quality“, den Featureumfang und die User Experience dieser kleinen, wunderbaren Rechenmaschinen betrifft. Auch die Geräte des Erzrivalen Texas Instruments (TI) sind mir freilich geläufig und ich besitze ein paar. Unter diesen HP- und TI-Geräten sind sowohl Rechner aus den glorreichen LEDisplay-Zeiten als auch modernere Geräte, bis hin zu den jeweils aktuellen Spitzenmodellen HP Prime und TI nspire CX CAS. Und wir wollen den Dritten im Bunde nicht vergessen: zumindest den deutschen Bildungsmarkt teilen sich TI und Casio untereinander auf. Meine Einstiegsdroge war in der Tat damals ein Casio fx-7000G, der mich super durch die Mathe-LK-Zeit brachte.

Ausgewählte Grafik Taschenrechner
Ausgewählte Grafik Taschenrechner (v.l.n.r.: Casio fx-7000G, HP 48GX, HP 50g, HP Prime, NumWorks, TI-84 Plus CE-T, TI-nspire CX CAS)
Casio fx-7000G
Mein Casio fx-7000G – der erste Grafik-Taschenrechner überhaupt. Funktioniert noch prima! 😃

Erwartungsmanagement

Wer sich heutzutage neu auf den Markt der grafikfähigen Taschenrechner wagt, muss sich meines Erachtens in gewisser Weise mit dem vorhandenen Angebot der drei Großen HP, TI und Casio schon messen lassen.

Um so mehr hat es mich erstaunt, als ich erst diesen Monat über das französische Startup NumWorks gestolpert bin. Sie haben schon Mitte 2017 ihren Taschenrechner auf den Markt gebracht, um den es hier gehen wird.

WOW! Ein neuer Grafik-Taschenrechner in 2019? Und noch dazu von einer neuen Firma, einem kleinen Startup? Macht das Sinn, mag sich der eine oder andere fragen? Knifflig. Auch die verantwortlichen Manager bei HP hatten sich ja dazu entschieden, erstmal keine Taschenrechner mehr selbst zu entwickeln. Die Gründe kennen wir nicht (wobei wir schon wissen, was Carly Fiorina der Firma so im Allgemeinen angetan hat …).

Zum Glück für uns HP Fans haben sie dann doch eines Tages das HP Prime Projekt gestartet und ich war MEGA happy, als ich vom Projektmanager gefragt wurde, ob ich nicht in der beta-Test-Phase dabei sein will!! Natürlich wollte ich und ich bin immer noch stolz wie Bolle, dass mein Name im Thanks Screen des Prime steht:

HP Prime Thanks Screen mit meinem Namen
HP Prime Thanks Screen mit meinem Namen

Aber ich schweife ab. 😉

HP mag sich das leisten können/wollen. Aber ein kleines Startup? Und überhaupt, werdet ihr fragen: heutzutage macht man doch alles auf seinem Smartphone oder Tablet!? Vergesst den Bildungsmarkt nicht! Alle Schüler der Welt nutzen in der Schule einen Taschenrechner – denn Smartphones sind fast immer verboten! Erst recht in Klausuren & Prüfungen. DAS ist also der Markt und der ist riesig. Da kann man vielleicht schon verstehen, dass jemand ein Stück vom Kuchen abhaben will.

Allerdings muss man dann erstmal mit den etablierten „Parteien“ mithalten können, wenn das ein gewinnbringendes Geschäft werden soll. Doch dazu vielleicht im Fazit mehr.

Ich jedenfalls stolperte über dieses Projekt und dachte „Ui! So eine kleine Firma kann sicher keine großen Massenproduktionen zu sehr günstigen Preisen verhandeln, da wird das Gerät wohl teuer sein!“ – Au contraire! Mit knappen €80 ist man dabei und die Lieferung erfolgte prompt direkt aus Frankreich innerhalb vier Tagen. Auf den Webseiten sieht er auch schick aus, aber die Haptik kann man da natürlich nicht testen. Ich war also skeptisch und gespannt.

Hardware

Hübsch ist er, das muss man schon sagen. Gefällt, ist ein Hingucker, so in seinem weißen Gehäuse. Die Abrundungen an den Längskanten sind gefällig und lassen das Gerät gut in der Hand liegen. Er ist auch weder zu leicht noch zu schwer für meinen Geschmack. Das verwendete Plastik ist schlicht, nichts Besonderes. Die Tasten sind etwas wackelig und vermitteln ein eher schwammiges Gefühl; es gibt keinen definierten „Klick“. Auch hier fällt der Unterschied zu einer „ordentlichen“ HP Tastatur auf. Das Display ist etwa so groß wie das eines TI-84 Plus CE-T, ein HP Prime Display ist sichtlich größer.

Apropos Display: der Prime hat ja als einziger ein Touchscreen. Daran war ich schon so gewöhnt, dass ich mich bei der Bedienung des NumWorks an die Cursortasten erstmal wieder gewöhnen musste. Ist halt nicht so intuitiv wie direkt auf etwas tippen. Ansonsten fiel auf, dass das LC-Display eine sehr helle Hintergrundbeleuchtung hat, die habe ich erstmal etwas runtergedreht. Die Auflösung ist mit 320×240 Pixeln bei 140ppi nicht spektakulär, sondern Durchschnitt. Man sieht allerdings, dass sie sich mit Font Anti-Aliasing und Hinting Mühe gegeben haben, eine krakelig-pixelige Schrift zu vermeiden. Das gelingt meines Erachtens so halb. Ja, Pixel sieht man kaum. Aber die Lesbarkeit insbesondere des kleinen, hellgrauen Fonts ist bisweilen bescheiden.

Das Besondere: Open! Echt?

Der größte Pluspunkt und das Alleinstellungsmerkmal des NumWorks ist sicher die Tatsache, dass sowohl sein Betriebssystem als auch seine Hardware inkl. Gehäuse offen sind: Open Software & Open Hardware.

Aber Moment mal. Open Source ist ja nicht immer gleich Open Source. Da gibt es ja viele Lizenz-Varianten und manche sind schon recht einschränkend. Wie ist es beim NumWorks? Dazu ein Zitat aus einem Review auf LWN.net:

That said, all of the GitHub content is available only under Creative Commons (CC) Attribution-NonCommercial-NoDerivatives (BY-NC-ND), a license even more restrictive than CC Attribution-NonCommercial (BY-NC, which itself is not regarded as free). Asked about this, Goyet ascribes the choice of license to NumWorks’s fear of clone manufacturers undercutting it, but recognizes that the license is a disincentive for both contributors and enthusiasts. It requires a CLA from contributors which requires a broad patent grant and permits relicensing; even if commercial considerations require NC for some time, the ND restriction is likely to be removed in the near future. Going to a CC BY-NC model would at least permit the community to continue to improve the device if the company were to fold or take a new direction.

Tom Yates, September 2017, auf lwn.net

Wir sehen: ganz so open ist die Firma NumWorks da wohl doch nicht … Allerdings wurde der ND Teil tatsächlich vor ca. acht Monaten in einen SA umgeändert, so dass wir jetzt eine CC-BY-NC-SA Lizenz haben. Immer noch keine CC0, aber schon besser als vorher.

Und, immerhin, das muss man schon sagen: ein OS von HP, TI oder Casio werden wir natürlich nie als Open Source sehen. Ich finde das schon super, dass man hier Einblick nehmen kann, wie sie es gemacht haben. Und wenn man will, kann man das Repository eben clonen und über das SDK (leider nicht so gut dokumentiert) eigene Apps für den NumWorks schreiben. Hier ist z.B. mal ein „Hello World“ als Startpunkt.

Und wer seinen 3D-Drucker anwerfen will, um sich z.B. ein transparentes Gehäuse oder eines in schwarz selbst zu drucken, der findet die offiziellen STL Dateien dazu in diesem GitHub Repository „Dieter“.

Das OS und die Usability

Erstmal: Features. Der NumWorks Taschenrechner kommt in der OS Version 9.2.0 mit den folgenden neun Apps:

  1. Rechnen
  2. Funktionen zeichnen
  3. Statistik
  4. Wahrscheinlichkeitsrechnung
  5. Gleichungen lösen
  6. Zahlenfolgen
  7. Regressionsanalysen
  8. Python
  9. Einstellungen

Die sind schon alle wirklich hübsch gemacht und der „normale Schüler“ (falls es sowas gibt) kommt damit sicher bestens zurecht. Es fehlen dann halt noch ein paar Dinge, die man mittlerweile auf den Produkten der Marktbegleiter findet: Dreieckslöser, Geometrie, 3D Funktionen, Polarplots, parametrische Plots, Finanzmathematische Berechnungen, verschiedene Zahlensysteme (Binär & Hexadezimal vor allem), eine kleine Tabellenkalkulation, Notizen, … um nur die Wesentlichsten zu nennen.

Beim Spielen mit der Funktionen-App fielen mir ein paar Bugs auf. Bei drei Funktionen konnte ich in der Plot-Ansicht mit Cursor hoch/runter nur zwei (g(x) und h(x)) anwählen, f(x) nicht mehr. Und als ich dann noch die Definition von f(x) editieren wollte, erschien das:

Speicher voll
Speicher nach drei Funktionen voll – ich soll „von Daten loschen“ …

Das kann ja wohl nicht sein, dass nach drei Funktionen Schluss ist!? Zugegeben, ich habe auch 20 (kurze) Python Programme im Rechner und eine Sequenz definiert. Aber das kann doch wohl nicht der Grund sein!? Heutzutage? Selbst wenn’s nur ein Bug ist, ist’s doof. Dabei fällt dann auch auf: eine Information über den verwendeten und den freien Speicher kann man leider auch nicht abrufen beim NumWorks. 😞

Usability

Bei der Usability sehe ich noch Luft nach oben. Es sind so viele Kleinigkeiten, die auf dauer einfach nerven bzw. schlicht unpraktisch sind. Eine Auswahl:

  • „Einstellungen“ ist eine App wie jede andere auch. Das heißt, man erreicht sie über die Home Taste, einige Cursor-Tastendrücke, OK. Danach wieder zurück zur letzten App, z.B. Functions: auch dafür gibt es keine eigene Taste. Also wieder mit den Cursortasten rumlaufen und die Functions App auswählen. Da sind die dedizierten Tasten für die Einstellungen bei HP, TI und Casio schon enorm hilfreich und zeit-/nervensparend. Eine hilfreiche Ausnahme gibt es: die Zurück-Taste springt im Home Screen immer sofort auf die Calculation App.
  • Die Farbe einer Funktion oder Sequenz kann man nicht selbst festlegen. Hat man nur eine Funktion oder Sequenz, ist diese immer rot. Die zweite immer blau, die dritte grün.
  • Im NumWorks kann man die Sprache umstellen – das ist toll. Aber leider beherbergt der kleine Rechner offenbar nur einen sehr einfachen Zeichensatz, denn deutsche Umlaute werden als ae statt ä etc. geschrieben. Aus dem „About“ Menüpunkt in der Einstellungen App wird dann „UEber“ statt „Ueber“ (oder lieber gleich „Über“).
  • Und manche deutschen Übersetzungen sind schlicht noch fehlerhaft, z.B. im var Menü die Worte „Expressions“ und „Funktions“ (sic!). Da bleibe ich lieber bei Englisch.Das Toolbox Menü …
  • Ein beliebter Test bei neuen Taschenrechnern ist ja immer: wie groß ist der Zahlenbereich? Also tippe ich immer gleich 69! ein, denn diese Zahl ist gerade noch im Bereich mit Exponent <100 darstellbar. Das kann auch der NumWorks (und mehr). Allerdings stellen sich gemischte Gefühle ein. Denn der NumWorks will es scheinbar besonders gut machen und spuckt das exakte Ergebnis, gefolgt von einem ungefähren (mit Exponent) aus. Leider ist das exakte Ergebnis von 69! mit 99 Ziffern recht lang und leider steht die gekürzte, ungefähre Zahl (die man auf einen Blick wahrnehmen könnte) erst am Ende der langen Zahl. Daher muss man erstmal mit dem Cursor auf das Ergebnis fahren (einmal hoch) und dann laaaange nach rechts wandern, bis man das gerundete Ergebnis sehen kann. Auch hier könnte man sich sicher etwas Geschickteres überlegen … Eine ganz einfache Lösung wäre z.B., dass man mit shift-Cursor-rechts direkt ans Ende der langen Zahl springen könnte (und mit shift-Cursor-links entsprechend an den Anfang).
  • Nochmal Fakultät: unverständlicherweise zeigt der NumWorks dann aber bei größeren Argumenten (er kann bis 170!) nur noch das ungefähre Ergebnis an und nicht mehr das exakte. Vermutlich weil dieses einfach zu lang werden würde. Die Grenze liegt verblüffenderweise (also: künstlicherweise) bei genau 100! – ab 101! gibt’s nur noch gerundete Resultate.
  • Funktionen, die nicht direkt über Tastendrücke erreichbar sind, findet man über das Toolbox-Menü. Aber: dieses startet immer wieder mit dem ersten Eintrag abs(x) selektiert. Macht man gerade z.B. einige Kombinatorik-Berechnungen, muss man immer wieder fünfmal Cursor nach unten, einmal Cursor rechts, einmal Cursor nach unten und EXE oder OK, um z.B. die permute(n,r) Funktion in die Eingabezeile zu kopieren. Einen Shortcut dafür kann man nicht anlegen. (Ich liebe die weißen, unbeschrifteten „Softmenü“ Tasten meines HP48, die ich mit beliebigen Funktionen oder Variablen belegen kann. Sogar Unterordner sind möglich. Oder man denke an den User-Modus vieler HP Rechner, bei dem man die Tastatur komplett umbelegen kann … hach)
  • Will man die Python „Interaktive Konsole“ starten, muss man dafür nach Aufruf der Python App erstmal mit der Cursor runter Taste über alle vorhandenen Programme wandern, bis nach dem letzten Eintrag dann der am unteren Bildschirmrand vorhandene Button „Interaktive Konsole“ ausgewählt werden kann. Bei sowas bin ich dann immer froh über den Touch Screen des HP Prime …

Weitere Lästigkeiten

Ein paar weitere kleine Dinge:

  • Winkel- und Zeitberechnungen mit Umwandlungen von Grad/Minuten/Sekunden in Dezimaldarstellungen und umgekehrt habe ich nicht gefunden. Eigentlich schon ein Basic bei einem wissenschaftlichen Taschenrechner.
  • Genauso fehlen Funktionen zur Umwandlung von Polar- in Rechteck-Koordinaten und umgekehrt.
  • Interessanterweise hat der NumWorks keine Vorzeichenwechseltaste, die man ja eigentlich von allen Taschenrechnern kennt. Zwar kann man bei der Eingabe einer Zahl oder Funktion die normale Minus-Taste dafür verwenden. Aber das Ergebnis einer Berechnung mal eben mit einem Tastendruck negieren geht dann halt damit leider nicht.
  • Und ebenso gibt es keine 1/x- oder Kehrwert-Taste. Das muss man also über die x^y Taste mit y=-1 lösen – macht es einem auch wieder ein bisschen schwieriger im Umgang.
  • Es gibt auch keine Konstanten-Bibliothek oder Rechnen mit Einheiten. Da ist man von den Rechnern der Mitbewerber teilweise verwöhnt.
  • Merkwürdigerweise musste ich immer wieder die Achsen-Grenzen bei der Sequenz-App einstellen, wenn ich später zu dieser App zurückkehrte.

Um auch mal etwas Positives zu sagen: es gibt sowohl ggt-, als auch kgV-Funktionen und eine Funktion für die Primfaktorzerlegung (eine prim-Test-Funktion nicht).

Python auf einem Taschenrechner

Python auf dem NumWorks
Python auf dem NumWorks – in 29×12 Zeichen …

Im ersten Moment denkt mal „wow, cool, Python auf einem Taschenrechner! Das gab’s noch nie!“. Aber dann doch auch relativ schnell: wie sinnvoll ist das wohl? Will man wirklich auf dieser Tastatur und mit diesem Display, das gerade mal 29 Zeichen pro Zeile und 12 Zeilen anzeigen kann, ernsthaft programmieren? Und dann wohlgemerkt: MicroPython! Es stehen als Module gerade mal math, cmath, random und kandinsky zur Verfügung. Letzteres ist quasi die Schnittstelle zum Display und ermöglicht es, mit Pixeln und Farben umzugehen – insgesamt ganze vier Funktionen gibt es da. Ein Modul, mit dem man richtige Apps mit grafischem UI entwickeln könnte, gibt es leider nicht. Hier bleibt nur das SDK für „native“ App-Entwicklung in C++.

Ganz ehrlich: wenn ich unterwegs in Python programmieren will, mache ich das doch lieber auf meinem iPad (zur Not iPhone) mit der grandiosen App Pythonista (oder eben am Laptop). Zumal es – anders als z.B. beim HP Prime – (noch?) keine Desktopsoftware für den NumWorks Rechner gibt, so dass man wenigstens am heimischen PC/Mac in einem Code-Editor entwickeln und dann – nach Übertragung via USB – auf dem Taschenrechner das Ergbnis begutachten könnte.

Zugegeben: es gibt einen Simulator des Betriebssystems des NumWorks. Der läuft sogar Desktop-OS-unabhängig im WebBrowser, auch offline. Aber auch der ist nicht geeignet, um Python Programme für diesen Taschenrechner gescheit zu entwickeln, da er eben nur 1:1 den Rechner simuliert.

Übrigens: selbst programmierte Python Funktionen können leider nicht in der normalen „Berechnung“ App aufgerufen werden. Sie leben exklusiv in der Python App Umgebung. Eine selbst-gebaute Funktionserweiterung im normalen Rechnen-Modus des NumWorks ist so also nicht möglich. 😞

Connectivity – nur mit Google

Apropos keine Desktop Software. Wie kann man denn Daten mit dem NumWorks austauschen oder wie upgraded man die Firmware? Der Rechner hat eine microUSB Buchse (also leider kein USB-C). Mit einem handelsüblichen USB-A auf microUSB Kabel (es liegt auch ein schickes gelbes bei) schließt man den Taschenrechner also an seinem PC oder (bei mir) Mac an. Jetzt geht es aber anders weiter, als erwartet: der Speicher des NumWorks wird nicht wie erwartet im Desktop-OS als externes Laufwerk gemounted. Stattdessen zeigt das Display des kleinen Franzosen an, dass er jetzt connected sei und man über die Webseite workshop.numworks.com mit ihm Daten austauschen könne. Achso?

Im ersten Moment denke ich: „Cool! Plattformunabhängig! Keine Software-Installation nötig!“ WebUSB ist das Stichwort und bei NumWorks findet man das cool. – Aber der Dämpfer kommt stante pede: mit Safari, dem Standardbrowser eines Macs geht das nicht. Das geht leider exklusiv nur mit Chrome! Die anderen Browser-Hersteller haben wohl noch Sicherheitsbedenken und WebUSB ist auch noch kein final verabschiedeter Standard.

BUMMER! Für alle, die Google nicht mögen und deshalb Chrome nicht nutzen: Pech gehabt! Lösung: entweder einen Zweitrechner finden, auf dem Chrome installiert ist oder es mit Chromium versuchen. Das ist zwar ein Open Source Browser, aber dennoch von Google verwaltet. Wer auch das nicht mag, dem bleiben nur Commandline Tools wie dfu-util, um zu versuchen, eine Firmware aufzuspielen. Der offizielle Twitter Account von NumWorks schrieb mir dazu:

Wenn man weder Chrome, noch Chromium nutzen will, wird’s nerdig mit dem OS-Update des NumWorks.

Mein NumWorks kam mit einer sehr alten OS-Version (1.5.0) und ich wollte natürlich von all den Bugfixes und Funktionalitätserweiterungen der neuesten Version profitieren. Aktuell ist dies Version 9.2.0, allerdings folgte diese unmittelbar dem Vorgänger 1.8.1 nach ungefähr zweieinhalb Monaten. Es gab also keine Versionen 2 bis 8. Merkwürdige Nummerierung. Nunja, ich habe dann zähneknirschend Chromium genommen und das hat auch am Mac einwandfrei geklappt.

How to screenshot

Leider gibt es bisher scheinbar auch kein echtes Screenshot Utility, mit dem man den Bildschirminhalt des über USB verbundenen NumWorks bequem als (z.B.) PNG Datei abspeichern könnte. Der vom Hersteller empfohlene Weg: man nehme doch einfach den Browser-basierten Simulator und mache dann Screenshots davon. Hmja. Das geht zwar, denn es gibt auf der Webseite einen „Screenshot“ Button. Allerdings muss ich dann natürlich erstmal meine Funktion oder Sequenz oder sonstiges, von dem ich einen Screenshot machen will in den Simulator eingeben – obwohl ich sie doch schon auf meinem physischen NumWorks hätte! Und mit der Maus auf Buttons oder Menüs im Simulator-Bildschirm klicken geht übrigens nicht. Man muss wie auf der Hardware schön die Cursortasten benutzen. 🙄 Und: einen Screenshot vom o.a. Bildschirm, der erscheint, nachdem man ein USB-Kabel angeschlossen hat, kann man so natürlich auch nicht machen: der Simulator hat keine USB-Buchse. Aber immerhin: geht.

Fazit

Wenn NumWorks mit ihrem Taschenrechner erfolgreich sein wollen, müssen sie m.E. drei Dinge schaffen:

  1. Sie müssten eine ausreichend große Menge Schulen oder andere Bildungseinrichtungen überzeugen, ihren Rechner auszuprobieren und die schon geschlossenen Verträge mit TI/Casio/HP auslaufen zu lassen. Das wird eine knallharte Vertriebsarbeit. Hat die Firma NumWorks überhaupt eine Vertriebsabteilung? Verfolgen sie diese Strategie? Wissen wir nicht.
  2. Am Ball bleiben beim Betriebssystem! Hier müssten in einer agilen Arbeitsweise regelmäßig und in kurzen Abständen neue Releases erscheinen, die (a) Fehler beheben, (b) die Usability kontinuierlich verbessern und (c) neue Funktionalitäten einbauen. Im Moment zähle ich auf GitHub im epsilon Repository 145 offene Issues, die noch nicht mal assigned sind. Viele davon sind auch noch nicht kategorisiert und datieren zurück bis in den Sommer 2017. Man fragt sich, mit welcher Motivation der Hersteller wohl daran arbeitet und wieviele Personen überhaupt daran programmieren. Immerhin: dem gegenüber stehen auch 201 geschlossene Issues, das letzte davon vor zwei Tagen. Und teilweise diskutiert der Firmenchef selbst auch bei den Issues mit – weil er der einzige ist, der ein Auge auf die Issues hat? Okay, es gibt schon noch die ein oder andere Person auf GitHub, die für/bei NumWorks zu arbeiten scheint. Aber viele sind es nicht, gefühlt eine handvoll.
  3. Die Entwickler-Gemeinde aktivieren! Wo sind all die Apps, die auf Grund der USP „Open“ seit anderthalb Jahren hätten entstehen können? Vielleicht gibt es sie ja. Aber warum werden sie dann nicht in die offizielle Firmware übernommen? Zwischen den Zeilen von Issue Kommentaren auf github habe ich herausgelesen, dass die SDK Dokumentation sehr schlecht und lückenhaft sei. Hier wäre eine Verbesserung zusammen mit vielen Beispiel-Apps sicher hilfreich. Immerhin stehen den 145 offenen Issues auch 149 Forks gegenüber! Da liegt doch ein ungemeines Potential, was man nutzen sollte! Ich wollte z.B. unter macOS das SDK installieren. Aber so, wie es auf den Webseiten beschrieben ist, funktioniert es leider nicht („Error: Cask ‚gcc-arm-embedded‘ is unavailable: No Cask with this name exists.„). Da knirscht’s halt leider im Getriebe, es wird sich nicht gut genug gekümmert.

Und wenn NumWorks mehr Menschen, auch außerhalb von Frankreich erreichen will, könnten sie ihre Kommunikation auf Englisch umstellen. Denn sowohl gefühlt 95% ihrer Tweets sind in französisch, als auch ihre Python Programme Bibliothek, die man über workshop.numworks.com erreichen kann. Hier ein Screenshot:

Viel Französisch auf NumWorks Webseiten
Viel Französisch auf den NumWorks Webseiten für Rechner-Besitzer

Alles in allem: der NumWorks Taschenrechner ist gefällig und das was er kann wurde attraktiv umgesetzt. Aber bei Leistungsumfang und Usability glänzt er nicht. Und die zahlreichen kleinen Fehler müssen gefixt werden. Für den Preis von €80 eine Anschaffung wert für denjenigen, der mal etwas anderes ausprobieren will. Die Konkurrenzprodukte von HP und TI bieten reichlich mehr (z.B. auch ein CAS), kosten aber auch etwas mehr. Wobei ich den Aufpreis von aktuell ca. €35 für einen HP Prime (aktuell ca. €115) dann doch eher gering finde, wenn man bedenkt, was der alles mehr kann – inkl. Touchscreen. Dafür ist der NumWorks im Vergleich dann doch etwas zu teuer – und etwas zu unfertig (wie das Titelbild dieses Beitrags … 😉) Es bleibt zu hoffen, dass NumWorks es schafft, häufig („agil“) neue OS-Versionen herauszubringen, rasch Features/Apps nachzulegen und die Community zu aktivieren.


Links

Hier noch eine kleine Linksammlung mit interessanten Seiten, über die ich gestolpert bin:

  1. Kalle

    Danke für das ausführliche Review.
    Keine 1/x Taste? Echt jetzt? Nach über 15 Jahren Berufserfahrung als Hardwareentwickler ist das für mich ein absolutes Ausschlussargument. Gerade die 1/x (und eigentlich auch die fehlende +/-) Taste sind für einen produktiven Einsatz unumgänglich und werden täglich und häufig genutzt.
    Auch das Fehlen von HEX und Binärmodus schließt einen großen Teil von Anwendern aus.
    Und es gibt keine Möglichkeit, eigene Funktionen oder Programme für den Schnellzugriff auf die Tastatur zu legen? Warum? Besser: zu welchem Zweck?

    Ich verstehe zwar, das es vor allem um einen Schulrechner geht, aber so schmälert es doch die potentielle „Community“ erheblich.

    Ich wurde durch Dein Review vor einem totalen Fehlkauf bewahrt, nochmals vielen Dank!

    • Hi Kalle,
      ja, das sind schon eklatante Nachteile, finde ich auch.
      Das einzig Positive, was man hier sagen kann, ist: da die Betriebssystemsoftware offen liegt, könnte man sie sich forken und eine eigene Version entwickeln, die eine 1/x und (-) Funktionalität auf Tasten legt. Aber dafür müsste man wieder andere Tastenfunktionen einsparen/umbauen. Eine Reihe mehr Tasten hätten dem NumWorks gut getan, denke ich.
      Und: eigentlich will man ja für derlei grundlegende Funktionen nicht selbst Hand an der Firmware anlegen müssen. In so fern: „nice try“, NumWorks, aber vielleicht beim zweiten Modell dann Dinge besser machen?
      Aber auf jeden Fall vielen Dank für Deine Rückmeldung! Freut mich, dass es wenigstens einem etwas gebracht hat! 😃
      Viele Grüße,
      Stefan.

  2. Kalle

    Wenn es nicht auf die Grafik ankommt kann ich den DM41 von Swiss Micros empfehlen (ziemlich originalgetreuer HP-41CX Nachbau)

    • 😉
      Liebe meinen DM42 (und meinen 41C und 42S und 35S und 15C und 16C und … ;-))

      • Kalle

        Na dann 🤘.
        Aber mal eine Frage: warum eigentlich der Schwerpunkt auf Grafikrechner? Ich komme schulbedingt aus der Texas-Ecke, hatte fürs Abi (1996 mit Mathe LK) einen der ersten TI 85 und später fürs Studium einen TI92 Plus. Mittlerweile sind noch reichlich alte und neue Rechner von HP, Sharp und TI zur Sammlung gestoßen.
        Ich finde aber die Lesbarleit der ganz einfachen LCD-Displays im Alltag durch die Bank besser als die Pixelsuppe von den Grafikpötten. Hat man mit denen heutzutage außerhalb des pädagogischen Umfelds noch einen praktischen Mehrwert?
        Bitte nicht falsch verstehen! LG

        P.S.: Der TI 95 Procalc ist toll. 5 Funktionstasten mit jeweils eigenem dreistelligen Display.

        • Och, das kommt bei mir persönlich vermutlich daher, dass mich schon immer schöne grafische Visualisierungen von mathematischen Zusammenhängen oder Objekten fasziniert haben. Und dass ich schon direkt den weltweit ersten grafikfähigen Taschenrechner, dem Casio fx-7000G damals im Mathe LK (Abi 1987) unter den staunenden Augen meines Lehrers eingesetzt habe.
          Ich finde, das Display eines HP Prime steht dem eines normalen Smartphones in nichts nach (okay, es ist kein Samsung OLED, aber dennoch recht gut). Und obwohl das schon recht hochauflösend ist (im Vergleich z.B. zu einem HP48 mit 131×64 Pixel), wünsche ich mir da manchmal noch mehr Auflösung. Mathematica für die Hosentasche wäre schön. Aber es geht ja schon viel mit Wolfram Alpha oder GeoGebra auf Smartphones und Tablets.
          Aber im Alltag brauche ich natürlich seltenst Grafikrechner. Eigentlich nicht mal so mächtige Taschenrechner. Es ist für mich halt eins meiner Hobbies. Die Lesbarkeit eines einfachen LCDisplays wie z.B. im HP35S ist da super ausreichend.
          In der Schule konnte ich mir (genauer: mein Vater mir) noch keine HPs leisten, die waren ja horrend teuer. Aber mein älterer Bruder bekam für die Oberstufe dann einen TI-59 inkl. Drucker PC-100C und auch mein Vater kam von der TI-Welt her (SR-56). Ich kam dann erst später über Casio (Oberstufe) zu HP (Studium) und besaß von TI lediglich das ein oder andere TI-30 Modell in der Schule (Mittelstufe). Mittlerweile habe ich da natürlich ein bisschen was von TI nachgekauft, aber keine so alten. Der TI-92 weckte seinerzeit mein Interesse. Und wer hätte nicht gern den nie erschienenen Prototypen eines TI-88 (als TI-59 Nachfolger) gehabt? Mein Bruder hatte sogar einen Prospekt, erinnere ich mich … 😉
          Den TI-95 Procalc kannte ich noch nicht – cooles Teilchen!

  3. Kalle

    Den HP-35S finde ich auch sehr gelungen. Grade für mich rudimentären HPler. Funktioniert halt auch ohne UPN ganz gut, und wenn man sich bei der Programmierung etwas Mühe gibt kann man die beiden Notationen je nach Gusto frei wählen.

  4. Fabian

    Vielen Dank für das aufschlussreiche Review!
    Ich habe vor Kurzem mein Faible für grafische Taschenrechner wiederentdeckt, als ich durch Zufall vom HP Prime erfahren habe. Ich wollte mir schon zur Abi-Zeit einen solchen Rechner zulegen (damals war der CFX-9850GB Plus das Maß aller Dinge), habe aber die Kosten gescheut und bin mit einem einfachen TI-36X Solar durchs Physikstudium.
    Nachdem ich mich jetzt nach wochenlanger Recherche für den TI-84 Plus CE-T quasi entschieden habe (ich bevorzuge „klassischer Rechner mit grafischem Display“ gegenüber „tragbarer Computer mit CAS“), bin ich durch einen weiteren Zufall auf den Numworks gestoßen. Da ich selbst Open-Source-Enthusiast (Debian Developer) bin und von Berufswegen in Python programmiere, schien dieser Rechner wie gemacht für mich und hat dem TI fast instantan den Rang auf der Wunschliste abgelaufen.
    Was ich dann aber hier in deinem Review gelesen habe, führte zur Ernüchterung! Klar, ein vollständig quelloffener Rechner mit Python-Skripting ist reizvoll und hat viel Potential, aber ich denke jetzt, ich lasse das Konzept noch etwas reifen und erfreue mich derweil an bewährter Technologie.
    Was mich an dieser Stelle interessieren würde: Du hast den Rechner mit einer sehr alten Firmware bekommen und – so wie ich es verstanden habe – auch das Review mit dieser Firmware erstellt. Wie würde denn die neuste Firmware-Revision abschneiden, wenn du all deine Tests mit dieser wiederholen würdest?
    Vielen Dank!
    – Fabian

    • Hi Fabian,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und den Hinweis auf die getestete Firmware! Ich hatte dann doch über Chromium das Update gleich zu Beginn gemacht und mein Erfahrungsbericht basiert also auf einer aktuellen Version. Ich kann später zuhause mal nachschauen, welche das genau war. 😉
      Viele Grüße,
      Stefan.

  5. Fabian

    Okay, danke, dann bin ich – nach wie vor – beunruhigt. Ich denke, bei einem Gerät wie einem Taschenrechner sind Eigenschaften wie „solide“ und „seit Jahrzehnten millionenfach bewährt“ tatsächlich mehr wert. Ich glaube, ich bleibe beim TI-84 Plus CE-T und schau mir den Numworks (oder sein Nachfolgemodell?) in 1-2 Jahren noch einmal genauer an.

    • Das klingt nach einem sinnvollen Vorgehen. Der TI-84 Plus CE-T ist ja auch ein sehr solides Modell – wenn auch mit (nach meinem Geschmack) recht unschöner Benutzungsoberfläche. Aber sicher alles eine Sache der Gewöhnung. 😉

      • Micky

        Sehr schönes und ausführliches Review aus Pro-User-Sicht.
        Ich hätte mir, was die Python-Programmierung angeht, auch wesentlich mehr erwartet – in der Hinsicht ist der Rechner momentan echt unbrauchbar, ich hoffe da auf weitere Updates…

        Das er mit der von mir gehassten microUSB – Büchse und nicht mit USB-C kam, finde ich auch nicht angemessen.

        Aber irgendwie spacing aussehen tut er ja – und für Alltagsaufgaben – heißt bei mir: maximal Dreisatz 🙂 ist er allemal gut geeignet.

        Klar, dafür war er zu teuer – aber ich schaue mir so ein Stück Technik auch einfach mal nur gerne an!

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