Ein modularer Synthesizer aus SchneidersLadenIch war vor wenigen Tagen zum ersten Mal bei Herrn Schneider in seinem Laden in Berlin. Am Kotti. Überm REWE. Ihr wisst schon: Synthesizer und so. Ich bin immer noch total überwältigt und baff und sprachlos. Ja, es war mein erstes Mal dort. Ich hatte overload error. Aber der Reihe nach.

Da muss man erstmal wissen, wie man den Laden betreten kann. Ich war zu doof und hab kurzerhand angerufen. Aha: kurz bevor man den REWE betritt, gibt es rechts eine Tür. Die fällt nur irgendwie nicht auf, weil sie sich durch allerlei Geschmie…, äh, Graffiti und Beklebungen aller Art perfekt in die Wand integriert. Aber es gibt bei genauerem Hinsehen sogar eine Klingel! Und dann öffnet sich das Sesam tatsächlich!

Im ersten Stock, hinter einer unscheinbaren Tür, eröffnet sich das Nirvana für Synthesizer Freaks, Geeks und Nerds: Modular Heaven, sozusagen. Das Thema ist natürlich sehr speziell. Aber aktuell ist es das Thema bei mir und wenn ich schonmal in Berlin bin (selten genug), konnte ich mir diesen Besuch trotz starker Erkältung nicht entgehen lassen.

Gar nicht, halb oder ganz

Vereinfacht gesagt ist es ja so: Synthesizer gibt es „fertig verdrahtet“, en bloc sozusagen. Die sind dann gar nicht modular, enthalten alles, was es braucht, um Sounds zu erzeugen. Aber der Hersteller gibt vor, was drin ist und wie es „verkabelt“ ist. Dann gibt es die semi-modularen. Die sind zwar intern vorverdrahtet, so dass man direkt loslegen und spielen kann (der Fachmann spricht von normalized). Aber sie haben trotzdem an manchen Stellen im Signalfluss Abgreifpunkte in Form von Buchsen nach außen geführt. So kann man die einzelnen Komponenten selbst auch anders verdrahten, als der Hersteller das vorgesehen hat und auf diese Weise die skurrilsten Sounds erzeugen. Aktuell bin ich da insbesondere in meine drei Moog Modelle Mother-32, DFAM und Grandmother verliebt.

Modular what?

In SchneidersLaden gibt es erstere Kategorie nicht, zweitere schon eher. Aber die Kernkompetenz liegt hier vor allem in der dritten Kategorie: den modularen Synthesizern. Hier hat der Benutzer die totale Freiheit. Er entscheidet, aus welchen Komponenten (Modulen) sein Synthesizer bestehen soll. Aber er muss sie dann auch selbst komplett verdrahten. Das ist die maximale Freiheit – setzt aber auch ein fundiertes Wissen über das Thema Tonerzeugung voraus. Da schadet es nicht, wenn man sich schonmal eine Weile in Kategorie eins oder (noch besser) zwei getummelt hat und weiß, was ein VCO, ein VCF, ein VCA ist und eben nicht glaubt, dass die Buchstabenfolge ADSR etwa „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom Reloaded“ bedeuten könne.

Pandoras Büchse

Herrn Schneider selbst habe ich zwar nicht getroffen, dafür aber mit zwei sehr netten jungen Mitarbeitern gesprochen, die sehr hilfsbereit waren und Teilmengen ihrer Erfahrung gern ausspeicherten. Ich hatte mich direkt als Fast-noch-Noob in Sachen modulare Synthesizer geoutet. Daher sprachen wir über Basics. Das Thema ist so dermaßen vielschichtig und komplex – man öffnet die sprichwörtliche Büchse der Pandora, wenn man sich entscheidet, einen solchen Synthi aufzubauen. „Oder man macht eben keinen Urlaub mehr“, meinte einer der beiden Berater.

Viele Fragen

Es stellen sich schlagartig so viele Fragen. Alleine schon bei der ersten Frage nach einem geeigneten Gehäuse, welches all die Module aufnehmen wird, kann man ins Grübeln kommen. Erstmal klein anfangen vielleicht? Aber was, wenn man schon bald mehr Module unterbringen möchte und keinen Platz mehr hat? Also etwas größer. Aber welches denn? Die Variante „senkrecht auf dem Tisch stehend“? Oder ist das unergonomisch auf Dauer? Doch lieber etwas auf dem Tisch liegendes? Holz unbehandelt? Metall? Plastik? Ihr glaubt ja nicht, wie viel Geld man alleine nur für ein leeres, dafür aber handgefertigtes Echtholz-Gehäuse ausgeben kann!

Weiter geht’s direkt beim Thema Stromversorgung. Wer weiß schon, dass es drei verschiedene Spannungen braucht!? Und dass es mittlerweile ein Bus-System gibt, über das sich manche Module auch ohne Patchkabel unterhalten können. Und soll das Netzteil eingebaut sein (nimmt dann aber etwas Platz weg in der Tiefe) oder extern?

Erste Module

Und so geht es mit den Fragen bei den ersten Modulen weiter. Klar ist, dass man Oszillatoren braucht und Hüllkurven und Filter und Verstärker. Aber wieviele? Und vor allem: von welchen Herstellern denn? Ist eine Dreiecksschwingung von Hersteller A denn besser als die von Hersteller B? Wieso sollte sie? Ist Dreieck nicht gleich Dreieck? Die selbe Frage dann bei Hüllkurven, Filtern etc. Da spielt der persönliche Geschmack natürlich eine Rolle. Nur: woher soll man den denn vorab schon haben?

Darüber hinaus gibt es auch bei diesen Grund-Modulen Alternativen, z.B. so ein Modul wie das „Rings“ von Mutable Instruments, welches die Soundsyntheseart Physical Modeling bietet.

Fazit

Nun trage ich mich ja schon länger mit dem Gedanken, auch so einen modularen Synthesizer aufzubauen. Aber meine Erkenntnis spätestens nach diesem Besuch: das will alles doch nochmal wohl überlegt sein! Man kennt das ja schon von LEGO, Fischertechnik und Co.: das Modulare ist zwar eine feine Sache. Aber vor allem auch für die Hersteller. Denn die Sammelleidenschaft steht hier leider allzu oft im Vordergrund und ich würde selbiger sicher auch zum Teil anheimfallen. Bestimmt denkt auch der gemeine Modular-Synth-Freak häufig, dass er jetzt „nur noch dieses eine“ Modul braucht – und dann das noch. Und dieses. Und jenes. Baukastenspielzeuge sind etwas Herrliches. So flexibel und immer wieder neu zusammensteckbar. Der Modularsynthesizer ist der Baukasten des sound- und elektronikbegeisterten Erwachsenen. Ich oute mich als Zielgruppe. Hilfe! Ich bin Opfer!

Nachtrag

Da ich derzeit noch dabei bin, mich tiefer ins Thema einzuarbeiten, finde ich auf dem Weg hier und da hilfreiche Kleinode. Wie zum Beispiel gerade die Video-Reihe des YouTube Accounts „Molten Music Technology“ zum Thema „Getting into Eurorack synthesis„. Prädikat: sehenswert! Insbesondere ja auch der Hinweis, dass man ein Gefühl für das Baukastenprinzip ja auch schon in Software vorab erleben – und damit vorfühlen kann, ob es einem liegt. Da wären vor allem die kommerzielle Software „Softube modular“ und die OpenSource Software „VCV“ zu nennen.