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Basketball

Ein richtig netter Typ: Interview mit Mike Koch

Michael Koch und Stefan Wolfrum

Foto: Nancy Hüttner

Wer sich im Basketball hierzulande ein bisschen auskennt, dem sagt der Name Michael („Mike“) Koch natürlich etwas. Er gehört zu den erfolgreichsten deutschen Basketballern überhaupt und er hat eine großartige, lange Karriere vorzuweisen. Allem voran natürlich der sensationelle Europameister Titel von 1993, aber natürlich auch die zahlreichen Deutschen Meisterschaften, vor allem fünf mal mit Bayer Leverkusen (meiner Heimatstadt) und Pokalsiege. Nach Stationen in Gießen, Bayreuth und Leverkusen ging er für sieben Jahre nach Griechenland, wo er ebenfalls sehr erfolgreich war. Seit der Saison 2005/2006 ist er recht erfolgreicher (zwei Play-Off Final Teilnahmen) Trainer der Telekom Baskets Bonn in der Beko-BBL-Bundesliga.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht: „Basketball? Hallo? Hier im Blog in dem es sonst immer über Technik geht?“. Oh ja! Ich liebe Basketball schon seit meiner Jugend und habe es früher auch selbst gespielt. Da ich in Leverkusen geboren und aufgewachsen bin und dort in Opladen ins Landrat-Lucas-Gymnasium ging, hatte ich das Glück, eins meiner damaligen Vorbilder, John Ecker, als Sportlehrer beim selbst gewählten Schwerpunkt Basketball zu haben. Ich erinnere mich an tolle Schulmeisterschaften mit Lob von ihm! Das vergisst man sein Leben lang nicht. John Ecker! Der damals noch mit den alten Leverkusener Haudegen Norbert Thimm, Greg Lee, Rudi Kleen, Achim Kuczmann und anderen spielte! 🙂

Für eine Karriere als Basketballer reichte es dann aber doch nicht, nicht mal auf der Position 1 als Point Guard mit meinen 1,80m. Schade. 😉 Dem Sport bin ich mit meiner Liebe aber immer treu geblieben — mal mehr und mal weniger intensiv als Zuschauer. Seit geraumer Zeit wieder mehr und dann natürlich in meiner Wahlheimat Bonn bei den Telekom Baskets Bonn.

Die Idee, Mike Koch zu interviewen kam beim Saisonabschluss 2011/2012, als die Spieler und er sich im Telekom Dome einfach unters Volk mischten und ich mich plötzlich neben ihm wiederfand — und ihn ansprach. Siehe da: der ist total nett! Der hört zu! Der schaut einen an! Der antwortet mir! Nun wollte ich ihn da aber nicht ewig bequatschen, aber danach rotierte es in meinem Kopf. Ich hätte gern noch mehr gefragt. Und zwar vor allem Fragen zur Person Michael Koch. Weniger direkte basketballerische Fragen nach dem Stand in der Tabelle und den Spielern und wer geht und wer kommt und sowas. Ich wollte den Mann, der da immer am Seitenaus kniet besser kennenlernen. Was macht der sonst noch so, neben Basketball? Ich dachte, das interessiert vielleicht auch andere Bonner Fans, die noch nicht soooo tief „in der Szene“ drin sind und die noch nicht alles über Basketball wissen. Außerdem: Experten-Talk von/mit/über ihn gibt es in Fachzeitschriften und auf Basketball-Webseiten und -Foren zu hauf. Genau das wollte ich (eigentlich) nicht. Aber man merkt dann schon: bei jemandem, für den Basketball das Leben ist, kommt man an Basketballfragen nicht vorbei. Und mich interessiert es ja auch. 😉

Freunde, denen ich von der Idee erzählte, haben mich dann ermutigt, ihn einfach anzusprechen und zu fragen, ob er das machen würde. Und als sich neulich am Rande eines Spiels der 2. Mannschaft der Telekom Baskets Bonn, das er zu meiner Überraschung auch besuchte, die Gelegenheit ergab, hab ich ihn einfach angesprochen. Und siehe da: es war für ihn okay! WOW! Ich hüpfte innerlich! Kurze Zeit darauf (am 5. Februar 2013) trafen wir uns im Telekom Dome und Nancy & ich durften ihn fragen, fragen, fragen. Am Ende war es fast eine Stunde geworden und wir standen draußen nochmal am Auto, ehe wir auseinander gingen. Es war SU-PER nett und angenehm! Michael Koch ist wirklich ein total feiner, netter, sozialer Typ zum anfassen, der offen ist für Fragen, Transparenz groß schreibt und überhaupt keine Starallüren hat.

Ja, so kam das. Und da ist es nun. Lest selbst! Ich hoffe, es gefällt.

 

Frage: Mike, wie sieht so dein typischer Tagesablauf aus? Wann stehst du morgens auf?
MK: Mein Tagesablauf beginnt so um 9:00 Uhr meistens. Ich habe ja abends auch viel zu tun und am Wochenende ist auch immer was da, das heißt, dass ich meinen Morgen so einteile, dass ich nicht immer unbedingt so früh aufstehe. Während der Saison sieht das dann so aus: aufstehen, frühstücken, auch ein bisschen Hausarbeit machen, das gehört einfach dazu. Ich habe ja keinen normalen Tagesablauf von morgens um 7:00 bis abends um 17:00 Uhr, sondern nachmittags oder abends (auch mal vormittags) Training, aber eben nicht so früh. Während der Saison ist dann an manchen Tagen um 10:00 Uhr Training bis 11:30 Uhr. Dann fahr ich wieder nach Hause, Mittagessen, während der Saison Videovorbereitung am Computer mit Analyse der nächsten Gegner. Dann abends nochmal Training von 17 bis 19 Uhr, dann nach Hause, Abendessen. Dann habe ich entweder Zeit, mich zu entspannen oder muss mich bei anstehenden Europapokalspielen weiter darauf vorbereiten.
Wenn ich entspannen will, lese ich sehr viel. Das geht auch im Bus nach einem Spiel: nach 10 Minuten ist das Spiel abgehakt, dann nehme ich mir was zum Lesen und da kann ich abschalten. Das hilft mir immer, auch zuhause, auf dem Sofa. Einfach mal die Füße hochlegen und ein Buch rausholen.

Frage: Deutsche Sachen oder englische? Krimis? Oder welches Genre bevorzugst Du da?
MK: Mehr deutsch. Wenn englisch, dann sind es meistens Basketballbücher, da gibt es nicht so viel in deutsch. Ansonsten sind es sehr viel historische Sachen. Ich bin sehr interessiert an Geschichte, dem 2. Weltkrieg. Ich lese aber auch Romane, so in die Richtung Mittelalter und Kreuzzüge. Sowas lese ich sehr gerne.

Frage: Hast Du auch mal Zeit, ins Kino zu gehen?
MK: Kaum. Ins Kino geht man abends, da bin ich beim Training in der Halle. Es ist dann eher so wie bei Profi-Sportlern üblich: man hat zuhause DVDs, die man schaut oder auch bei längeren Auslandsreisen hat man mal Zeit, den ein oder anderen Film zu schauen.

Frage: Welche Musik hörst du gerne?
MK: Ich höre eigentlich alles Querbeet, aber zum Entspannen und auch im Bus, wenn man mal die Augen schließen will, ist Loreena McKennit und keltische Musik etwas, was ich sehr gerne höre. Auch mal Marc Cohn, Singer/Songwriter Sachen. Aber auch mal Dr. Dre, Snoop Dogg und sowas. Hab ich auch noch auf dem iPod.

Frage: Bist du eigentlich Analog- oder Digital-Leser?
MK: Bisher eigentlich immer analog, also Bücherleser, aber seit meinem Geburtstag am 13. Januar bin ich Digital-Leser, weil ich zuhause zu viel von dem Kindle erzählt habe und dann hab ich den geschenkt bekommen. Und das ist auch gut so, denn auf Reisen waren die historischen Romane auf Dauer doch zu schwer, da ist sogar meine Tasche dabei ein bisschen kaputt gegangen. Und jetzt ist das super praktisch, wenn man ein Buch ausgelesen hat, ist -zackzack- das nächste Buch da.

Frage: Jetzt hast Du ja auch ein iPhone — bist Du ein Typ, der so technische Geräte eher mag oder eher nicht mag?
MK: Eher nicht und ich beherrsche die auch nicht. Mein Sohn hat Computer und alles und wenn ich was nicht kann, rufe ich meinen Sohn und der bekommt das hin. Mitttlerweile bekommt man ja fast nur noch Smartphones, aber ich muss damit eigentlich nur telefonieren und eine SMS schreiben können, das reicht mir. Das ein oder andere einfache Spiel, wie Solitär, ist da auch drauf, mal zum zocken, aber ich bin da kein Freak.

Frage: Hast Du eigentlich auch mal Zeit, ein NBA-Spiel im Fernsehen zu schauen oder wie hältst du dich da auf dem Laufenden?
MK: Könnte ich, mach ich aber nicht. Weil NBA ist für mich, obwohl ich Basketballer bin, ein Tabu-Thema. Das ist keine Liga, die du auf uns übertragen kannst. NBA ist Show und nur eins gegen eins. Die Superstars werden geschützt, dürfen machen, was sie wollen, da gibt es keinen Pfiff bei Schrittfehlern, bei manchen Fouls. Die NBA ist eine reine Offensiv-Liga und ist Entertainment. Hier in Europa wird hart trainiert, hart gespielt, hart verteidigt. Deswegen schaue ich eher College Basketball, weil das kompatibel zu uns ist. Dort spielen sie Zone und verschiedene Systeme. Kommt noch dazu, dass wir in Bonn eher einen College-, als einen NBA-Spieler verpflichten könnten … 😉

Frage: Henning Harnisch hat ja relativ abrupt seine Basketballkarriere als Spieler beendet und (zunächst) etwas ganz anderes gemacht (mittlerweile ist er ja wieder beim Basketball). Was könntest du dir vorstellen, mal zu machen, wenn es nicht mehr Basektball sein könnte?
MK: Trainer kann man natürlich recht lange machen und das ist auch etwas was mir riesen Spaß macht. Und je älter du wirst, desto jünger bleibst du als Trainer, weil du einfach immer mit jungen Leuten zusammen bist. Ich hatte damals in Bayreuth, als wir Deutscher Meister wurden, einen Trainer, der war 63. Mir macht es unheimlich Spaß, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten. Ich habe damals bei meiner Zeit in Leverkusen mal ein Volontariat bei der Basket Zeitung gemacht, was aber nur ein paar Monate gedauert hat, weil ich dann nach Griechenland gegangen bin. Aber egal was ich mache, es wird immer etwas mit Basketball zu tun haben, denn das ist meine Leidenschaft, das hat mein ganzes Leben bestimmt.

Frage: Woher nimmst du als Trainer das Selbstvertrauen, was man für den Job braucht? Hast Du Trainer-Vorbilder?
MK: Wenn du eine mit 19 Jahren extrem lange Profi-Karriere als Spieler hast und mit so vielen Trainern zusammengearbeitet hast, nimmst du von jedem Trainer etwas mit, was dir gefallen hat. Manches lässt du gehen, weil du sagst „das passt nicht zu mir“. Aber das allerwichtigste ist: du kannst deine Persönlichkeit nicht verändern. Ich kann nicht sagen, ich trainiere wie Dirk Bauermann oder ich springe rum wie Svetislav Pesic, weil das nicht mein Charakterzug ist. Ich bin Michael Koch und so wie ich bin als Person, so muss ich mich auch als Trainer darstellen. Ich muss ehrlich zu mir selbst beleiben, ich kann mich nicht verdrehen. Du kannst Systeme oder Spielvarianten übernehmen, aber du kannst keinen anderen Trainer kopieren. Und das ist etwas, was man sich von anfang an vor Augen halten muss. Man kann Vorbilder, wie z.B. Phil Jackson haben, aber man kann kein Phil Jackson sein.
Und als Trainer braucht man auch einfach eine dicke Haut. Es gibt immer Leute, die es besser wissen. Das ist auch egal, ob du Trainer in Bonn bist oder bei Bayern München oder im Fußball. Egal wo du bist, die Gesellschaft ist nun mal so.

Frage: Bei uns in Bonn ging (und geht) es zur Zeit vor allem um die Teilnahme an den Play-Offs, also den Tabellenplatz. Wenn es mal nicht gut läuft, woher kommt dann der Druck? Von dir selber? Von den Spielern, den Fans oder dem Vorstand des Vereins?
MK: Der Druck kommt immer mehr von außen. Ob das vom Präsidium ist oder von den Fans oder der Presse. Das ist aber auch deren Job. Die Presse kann nach fünf verlorenen Spielen in Folge nicht „Juchu“ schreiben, die sehen ihren Job natürlich auch darin, das ganze kritisch zu beäugen. Das heißt für mich als Trainer, dass es wichtig ist, dass ich die Mannschaft aus dem Schussfeld halte. Ich stelle mich vor die Mannschaft, mich können sie befeuern, das ist nicht das Problem. Du musst dann sehen, dass die Mannschaft an sich gefestigt und positiv bleibt, wie schlimm auch die Zeiten sein mögen. Sobald nämlich ein oder zwei Spieler anfangen, negativ zu reagieren oder sich abzukapseln, dann hast du als Trainer auch keine Chance mehr, Einfluss auf die Mannschaft zu nehmen, dann hast du verloren. Das heißt: eine positive Grundeinstellung brauchst du immer, egal, was auf dich einschlägt. Das ist das wichtigste.

Frage: In der Situation Pressekonferenz legen die Journalisten dann gerne mal den Finger in die Wunde. Wie einfach ist es da, gelassen zu bleiben und professionell zu reagieren?
MK: Das ist nicht immer einfach, das muss man schon so sagen. Es gibt mit Sicherheit schönere Pressekonferenzen als die nach dem Spiel gegen Tübingen, wo wir das Spiel in den letzten zwei Minuten weggeschenkt haben, obwohl wir es eigentlich schon gewonnen hatten. Dann kommen die Fragen nach dem Warum und das soll man dann direkt nach dem Spiel erklären. Dabei bist du selber erstmal perplex, aber der Umgang mit den Medien gehört natürlich auch zum Job. Man kann nicht immer das sagen, was man denkt. Aber das kann man in jedem anderen Job auch nicht machen, du kannst auch nicht zu deinem Chef gehen und ihm sagen … 😉 Ein gewisses Fingerspitzengefühl im Umgang mit solchen Situationen gehört halt dazu. Ich würde auch gern mal poltern, aber das muss ich dann eben zuhause machen, aber einen Boxsack für solche Fälle habe ich noch nicht, so schlimm ist es noch nicht.

Frage: Was fährst du für einen Trainingsstil? Du hast viele Trainer kennengelernt, was hat dich am meisten gestört? Eher die Brüller, Peitscher oder die sozialen? Manche Spieler muss man vielleicht eher „peitschen“, andere ganz anders behandeln. Wie bringt man das in einem Team von unterschiedlichen Charakteren zusammen und wie erhält man sich deren Respekt?
MK: Ich habe natürlich das Glück, so eine Karriere als Spieler gehabt zu haben. Wer nach Bonn kommt, der schaut sich schon an, was der Michael Koch sich alles für Erfolge erarbeitet hat und das sorgt schon für Respekt. Das macht die ganze Sache schon ein bisschen einfacher. Nichtsdestotrotz hast du 10, 12 Spieler, die du eigentlich alle anders behandeln müsstest, was du aber nicht immer vor der Mannschaft machen kannst. Da gibt es dann zum Beispiel auch mal Einzelgespräche, aber wir haben uns ja durchaus auch in den letzten Jahren auch mal von Spielern getrennt, wo es einfach nicht funktioniert hat.
Ich versuche aber immer, der sozialere Typ zu sein, positiv zu sein. Ich bin niemand, der auf dem Boden liegt, noch bin ich jemand, der in den Boden reintritt. Viele jugoslawische Trainer versuchen mit allen Mitteln, dich zu zerstören, indem sie dir immer das Gegenteil sagen. Spielst du den Ball nach links, sagen sie dir, du sollst nach rechts passen. Passt du nach rechts, sagen sie dir, du sollst nach links spielen. Die wollen in deinen Kopf rein und „psychologische Kriegsführung“ machen. Einmal spielst du keine Minute, dann bist du wieder bei den ersten fünf, lauter solche Sachen.
Ich probiere schon, mit den Spielern menschlich umzugehen. So wie ich gerne behandelt werden würde, so will ich auch meine Mannschaft behandeln. Dass da mal die Fetzen fliegen, das gehört dazu. Es heißt nicht immer nur „ihr seid die Größten“, sondern da fällt auch mal der Hammer. Aber im großen und ganzen versuche ich wirklich, menschlich mit den Leuten umzugehen.

Frage: Ist es denn in Deutschland generell eher so wie du es in Bonn machst oder gibt es da auch so „jugoslawische Typen“?
MK: Die gibt es sicher auch, ja. Wie ich schon sagte, es muss halt jeder seinem Charakter nachgehen. Ich wäre nicht mehr authentisch, wenn ich den Hampelmann und alle zur Sau machen würde. Es kommt ja noch dazu, dass wir mit dem Stil, den ich hier in Bonn installiert habe ja auch Erfolg haben. Wir waren zweimal in den Finalspielen und das auch mit nicht so hohen Etats. Das gibt mir natürlich auch das Selbstvertrauen und das Recht zu sagen: warum soll ich mich um 180 Grad drehen.

Frage: Und auch der Verein mischt sich dann da nicht ein und sagt, wir müssen hier mal andere Seiten aufziehen? Das überlässt man schon dir?
MK: Ja, das kann man ja auch nicht. Man verpflichtet einen Trainer und die Philosophie des Trainers muss man dann auch akzeptieren.

Frage: Der FC Bayern München hat einen recht großen Etat und ein Verein wie die Giessener 46ers müssen Insolvenzantrag stellen und bekommen Punkte abgezogen. Das ist ein ganz schönes Gefälle in der Bundesliga. Tut so ein Verein mit extrem großem Budget wie der FC Bayern München der BBL eher gut oder nicht?
MK: Ich habe immer gesagt, dass das der Liga gut tut. Gefälle gibt es überall, egal ob man jetzt in der Fußball-, Volleyball-, Handball-Bundesliga schaut. Es gibt immer Vereine, die mehr Geld haben und welche, die weniger Geld haben. Die Krux des deutschen Basketballs ist, dass wir in den Medien nicht genug vertreten sind.

Frage: Genau! Schaut man in die großen deutschen Sport Sendungen wie das aktuelle sport-studio oder die Sportschau, da kommt nahezu nie etwas über den deutschen Basketball. Woran liegt das? Wie könnte man das ändern? Arbeit jemand daran?
MK: Ja, das müsste jemand von der BBL machen, ja. Hoffe ich doch auch! Das ist wirklich unser Problem, dass wir aus den Medien vollkommen rausgedrängt worden sind. Es gibt neue Hallen an vielen Standorten und jedes Jahr mehr Zuschauer. Der Zulauf ist da. Basketball ist populär. Andererseits ist aber Basketball in Deutschland auch leider immer noch eine Randsportart. Das muss man auch ehrlich sein. Wir haben das Problem, wir sollen in München sonntags mittags um 13 Uhr spielen. Weil Kabel1 live überträgt. Dann hatte Kabel1 ein Spiel von Bayern München zwei Wochen vorher übertragen und dann wurde unser Spiel zwei Wochen später nicht mehr übertragen, weil nur 150.000 Zuschauer eingeschaltet haben. Da zeigen sie lieber einen Sissi Film, weil dann einfach mehr zuschauen. Oder ein Spiel der 2. Fußball Bundesliga. Und wie wir DAS ändern, Basketball auch in den Medien populär zu machen, das ist die größte Aufgabe überhaupt. Alles andere funktioniert ja: Bonn hat eine neue Halle, Ulm hat eine neue Halle, Oldenburg baut eine neue Halle, Berlin hat die O2 World etc.pp. Deutschland ist auch ein verlässliches Land, es gibt Gesetze, die Spieler werden regelmäßig bezahlt, es ist eine gewisse Sicherheit da. Wir müssen ins Fernsehen rein, dann bekommst du auch Sponsoren und damit auch Geld.

Frage: Wie sehr bist du mittlerweile in Bonn verwurzelt? Würdest du bei einem entsprechenden Trainer-Angebot nochmal weggehen oder sagst du, du möchtest hier unbedingt in Bonn weitermachen?
MK: Ich bin jetzt nicht so verwuzelt, wie jemand, der hier in Bonn geboren und groß geworden ist. Ich bin als Sportler schon durch die ganze Welt gereist. Ich bin in Lich geboren, dann war ich in Gießen, in Bayreuth, in Leverkusen, in Griechenland, jetzt in Bonn. Ich habe also schon öfters die Koffer packen müssen und hab das auch immer gemacht. Ich bin glücklich, dass es immer mehrere Jahre waren. In Gießen waren es vier Jahre, in Bayreuth auch, in Leverkusen fünf Jahre, in Griechenland sieben und in Bonn jetzt acht Jahre. Es war also nicht so wie bei vielen anderen Spielern, eine Saison hier, die nächste dort und die nächste wieder wo anders. Diese längeren Zeiträume waren für die Familie auch immer gut. Mein Sohn ging auf die deutsche Schule in Athen und hat dort Kindergarten, Vorschule und alles in einem Rutsch machen können, ohne den Standort wechseln zu müssen. Das war schon alles schön. Aber mein Job ist Trainer und man kann nicht realitätsfremd sein. Nicht jeder ist ein Thomas Schaaf, der seit 15 oder 20 Jahren bei Werder Bremen Trainer ist. Ich bin der dienstälteste Trainer in der Liga mit meinen acht Dienstjahren hier in Bonn. Ich fühle mich hier wohl, ich werde hier auch noch weiter trainieren, wenn das funktioniert, aber ich kann nicht davon ausgehen, dass ich hier noch zehn Jahre Trainer bin, weil du in dem Geschäft einfach nicht weißt, was passiert.

[Ich zeige Mike ein paar alte schwarz-weiß Fotos aus den guten alten Leverkusener Tagen, von hier.]

Frage: Hast du noch Kontakt zu den Kollegen damals aus Leverkusen?
MK: Ja, schon. Zu Dirk Bauermann gelegentlich und zu Henning Harnisch natürlich auch. Er war ja mein Kumpel und Zimmergenosse, auch bei der Nationalmannschaft.

Frage: Du hattest mal die Idee einer Michael-Koch-Basketball-Akademie zu der Zeit, als du aus Griechenland zurück gekommen warst. Die gibt es bisher noch nicht, aber spukt der Gedanke noch in deinem Kopf herum?
MK: Durchaus, ja, das wäre nochmal eine Aufgabe für die Zukunft. Denn das Problem im deutschen Basketball ist die Jugendarbeit. Da sind wir wieder beim Thema Randsportart. Das heißt, im Jugendbereich wird nicht so viel Geld bezahlt, dass man da wirklich die bestmöglichen Trainer einsetzen kann. Das sind oft Studenten, die das nebenher machen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Aber um deutsche Spieler auszubilden, müssten die besten Trainer im Jugendbereich sein. Und zwar im Alter von ca. 10 bis 15 Jahren, wo der Grundstein gelegt wird. Aber da wir in Deutschland finanziell nicht in der Lage sind, das zu stemmen, war es mal eine Überlegung, so eine Akademie zu gründen, wo ich mich davor stelle oder auch selbst als Trainer mitmache, noch ein, zwei wirklich gute, erfahrene Jugendtrainer hole und dann so eine Akademie aufbaue. Da muss dann natürlich auch eine Schule dabei sein, damit das auch zweigleisig läuft. Das ist immer noch wichtig. Wir sind nicht so weit, dass wir nur zum reinen Profi ausbilden. Das ist in jedem Leistungssport gefährlich, weil einen eine Verletzung jederzeit die Karriere kosten kann. Die Idee wäre dann, sich die ca. 10 oder 12 besten Jugendspieler Deutschlands zu holen und sie aufzubauen.
Frankreich ist da schon weiter, die machen das so in der Art, ziehen die Spieler zentral zusammen und schicken sie dann aber an den Wochenenden auch wieder zu ihren jeweiligen Vereinen, wo sie dann normal spielen können. Aber unter der Woche werden sie zentral trainiert.
Griechenland hat ein ähnliches System, wo die Spieler die beste Förderung bekommen können.

Frage: Gibt es denn in Bonn hier ein konkretes Problem mit dem Nachwuchs?
MK: Bonn sehe ich da wirklich sehr, sehr gut aufgestellt, insbesondere wenn man das mal mit den anderen Bundesliga Standorten verlgeicht. Wir haben Jonas Wohlfahrt-Bottermann, Fabian Thülig und Florian Koch, der ja auch noch jung ist. Also drei Nachwuchsspieler in den letzten Jahren hoch gebracht aus der eigenen Jungend in den Kader der 1. Mannschaft. Und das findest du in der Liga bei nicht einem Verein. In Bonn haben wir keinen großen Fußball Verein, hier ist Basketball Nummer eins. Wir haben das Ausbildungszentrum und nicht genügend Trainingszeiten, haben sogar drei U14 und drei U16 Mannschaften. Da brauchen wir uns hier in Bonn keine Gedanken zu machen.

Frage: Mike, du bist ganz offenbar einer „zum Anfassen“, bist nach den Heimspielen und beim Saisonabschluss immer ansprechbar für Fans. Hast du da auch schonmal schlechte Erfahrungen gemacht? Gab es schonmal Fans, die in den Foren heftige Dinge schreiben und denken, sie können dich bei so einer Gelegenheit mal greifen und zur Brust nehmen?
MK: Wenn sie das mal machen würden! Da wäre ich ja froh! Ich weiß nicht, ob ich für viele unnahbar wirke. mag ja sein, so als Coach an der Seitenlinie. Aber ich gehe nach jedem Spiel durch die Halle auf dem Weg zur Pressekonferenz, da spricht mich schonmal der ein oder andere an. Ich gehe zum Fantalk nach oben, stehe da noch und trinke mein Bier, also wenn jemand was zu fragen hätte, der bräuchte einfach nur zu kommen.
Sicher, es kam auch schon mal ein pöbelnder Fan in der Halle oder draußen, aber das schreckt mich nicht ab. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Fans zu mir kommen und mich ansprechen. Ich weiß nicht, ob das vorher anders war, aber mein Griechenland Aufenthalt hat da auch sehr viel bewirkt. In Griechenland kommt JEDER. Du bist da wie ein Fußballer hier. Da kommt jedes Basketballspiel im Fernsehen. Wenn du in den Supermarkt gehst, kommt jeder und haut dir auf die Schulter. Ich bin dann eben nicht der Typ, der sagt „was willst du von mir“. Die Griechen sind sehr offen.

Frage: Vermisst du das hier in Deutschland?
MK: Ja, schon ein bisschen. Am Anfang war das schwierig in Griechenland als Deutscher. Das erste Wort, was du lernst, ist αύριο („ávrio“), das heißt „morgen“. Brauchst du eine Waschmaschine: ávrio. Nach zehn Tagen kommt sie, ist aber die falsche, macht aber nix. Kommt die richtige eben ávrio. Kommt sie aber nicht. Da bekommst du als Deutscher natürlich erstmal die Krise. Aber da gibt es nur einen Weg und der lautet: du muss dich anpassen. Wenn du deine Linie durchziehen willst, hast du keine Chance. Die leben so. Die Sonne ist jeden Morgen da, die Leute sind viel relaxter und offener und da gibt es diese Eifersucht nicht wie in Deutschland. Das ist ein großes Problem für mich. Da steht in der Zeitung was man verdient und wenn es fünf Millionen wären, sind es eben fünf Millionen, das ist den Griechen egal. Die sind trotzdem Fan und dafür. Und dann gehst du über den Markt und du weißt, dass sie wissen, wieviel du verdienst (also ich hab jetzt keine fünf Millionen verdient) und sie verkaufen dir ihren Salat oder Obst und schenken dir trotzdem noch was obendrauf. Obwohl sie sagen könnten, „von dem will ich das Doppelte haben, der kann sich das sowieso leisten.“ Und diese Lebensart nimmst du da so ein bisschen mit, dieses freundliche, zuvorkommende. Da wird mit jedem ein nettes Wort geredet. Das war eine sehr positive Lebenserfahrung für mich.

Frage: Wenn du dich interviewen müsstest, welche Frage würdest du dir gerne selbst stellen? Was wäre dir wichtig, gefragt zu werden?
MK: Ich denke schon, dass die Frage nach der persönlichen Linie, nach dem Charakter, danach, wie man mit den Leuten umgeht, das bleibt einfach viel zu viel auf der Strecke. Du wirst meist nur als der Trainer gesehen, der da an der Seitenlinie steht und seine Rolle „spielt“. Der Mensch selbst ist da oft austauschbar. Und die Reaktionen von denen, den es nicht passt, was der Trainer da macht, sind immer die gleichen. Egal, wer da als Trainer steht. Du wirst als Person nicht so ernst genommen, sondern nur als der Trainer, der da steht. Und wenn er nicht mehr da ist, ists auch nicht schlimm, dann ist der nächste da.

Frage: Sind das nur die Fans und die Presse, die das so sehen oder auch der Verein? Oder wissen die schon eher, was sie an einem Michael Koch haben, weil sich dich einfach auch besser, persönlicher kennen?
MK: Ja, der Verein ist da anders. Sonst wäre ich ja auch nicht so lange Trainer hier in Bonn gewesen. Ich glaube schon, dass die wissen, was ich hier leiste. Die können ja auch in die Halle kommen wann immer sie wollen und sehen, wie ich arbeite. Die Fans sehen ja die Arbeit, die die ganze Woche stattfindet sowieso nicht und können den Menschen von daher ja auch gar nicht so beurteilen.

Frage: Ist das eine Frage von Öffentlichkeitsarbeit? Muss man da mehr tun? Oder ist es okay, so wie es ist?
MK: Wir haben diese Saison als Novum ein Medientraining. Donnerstags abends können Vertreter von Radio oder Zeitung können in die Halle kommen und die letzte Stunde vom Training anschauen, auch um dann Interviews oder Vorberichte zu machen. Das hatten wir bisher noch nie. Es ist natürlich nicht möglich, in jedem Training 100 Fans reinzuholen, die sich das Training angucken. Aber ich habe öfters Anfragen von Leuten (wie ihr beide auch), die fragen, kann ich mir mal ein Training angucken, kann ich mal vorbei kommen. Das ist für mich okay und das machen wir auch immer wieder mal. Aber klar kann man nicht sagen, wir machen ein öffentliches Training und wer kommen will, kommt und dann haben wir 500 Leute in der Halle. Aber ich gehe mit dem Thema offen um und wenn jemand kommt, der sagt, das interessiert ihn, er will sich nur still hinsetzen und zugucken, dann ist das für mich kein Problem. Und wenn er danach rausgeht und sagt, „das ist ja vielleicht ein Idiot“, dann ist das für mich auch okay! Weil: ich kann mich nicht verstellen, aber ich bin immer bereit, das was ich tue, anderen Leuten zu zeigen.

Frage: Spontaner Assoziationstest: Pepsi oder Cola?
MK: Gar nix.

Frage: Ketchup oder Mayo?
MK: Ketchup.

Frage: Nass- oder Trockenrasierer?
MK: Nass.

Frage: Fisch oder Fleisch? Oder vegetarisch?
MK: Das ist schwierig. Vegetarisch gar nicht. Eher Fisch. Griechenland-geprägt.

Frage: Mac oder PC?
MK: Mac. Und eher Laptop als Desktop. Ich brauche einen Computer, den ich mit mir rumtragen kann.

Frage: Dein Lieblings-Fußballverein?
MK: Schalke 04.

Vielen lieben Dank für das Gespräch!!

  1. Sehr schöner Artikel, vor allem sehr ausführlich. Nach meinem Geschmack sogar ein wenig zu lang. Man hätte da durchaus auch zwei Teile daraus machen können. Ein kleiner Dreher: „bin ich Lich geboren“, anstatt „ich bin…“ Zudem „Schade“, dass auf den Bildern keine Zuschauer auf den Rängen zugegen sind. Obwohl bei einem „privat Interview“ nicht unbedingt notwendig, hätte dies die Stimmung im Photo noch ein wenig aufgepeppt.

  2. Stefan I think your interview was very good! You did a great job and I enjoyed reading it!! Keep it going!! 🙂

  3. whereisalx

    Vielen Dank für das tolle Interview. Ich bin immer froh darüber, wenn man mal die Chance bekommt auch hinter die Kulissen zu blicken. Gerade Mike Koch ist ja in diversen Internetforen schon öfters hart kritisiert worden, da tut es gut zu sehen, wie es in ihm aussieht.
    Auch die Aspekte zum Fernsehen und den Medien fand ich sehr interessant; auch wenn sich mir bisher kein wirklicher Lösungsvorschlag eröffnen will. Am ehesten muss man versuchen durch die öffentlich-rechtlichen Sender einen Fuß in die Tür zu bekommen. Direkt bei den Privaten zu starten sehe ich eher kritisch (siehe Kabel1 und dem Quotendruck). Jeden Samstag in der Sportschau 5-10 Minuten Zusammenfassung des Topspiels wäre schon mal ein Anfang. Allerdings wird es da schwer, wenn die Spiele bis 21.30 Uhr dauern….
    Nochmal vielen Dank für das tolle Interview. Ich werde eure Seite auch weiterhin mal im Auge haben…
    Beste Grüße aus Bonn.

  4. Micky

    Interessantes Interview Stefan! Mir ist noch ganz untern der „Lieblings-Fupballverein“ aufgefallen.

    Ich interessiere mich jetzt eigentlich nicht so für Basketball im speziellen, bin ja eher allgemein Sportinteressiert – aber das mit der NBA fand ich sehr spannend…

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